Kristallklar & Kreativ
Mehr als nur der normale Weg
Bewusstsein



Der Spiegel der Stufen


Emil saß im Konferenzraum und spürte, wie sich sein Kiefer anspannte. Ihm gegenüber saß Georgina, eine junge Kollegin, die einen Vorschlag machte, der Emils jahrelanger Erfahrung widersprach. In seinem Kopf formte sich sofort die Antwort: scharf, faktenbasiert und unmissverständlich. Er wollte seinen Status als Teamleiter verteidigen. Wollte zeigen, dass er die Werte von Präzision und Effizienz hochhielt. Für ihn war es klar: Er handelte im Interesse des Unternehmens.
Als er den Mund öffnete, hielt er inne. Ein Gedanke unterbrach seine automatische Reaktion:

„Nach welchen Zielen handle ich eigentlich? War es wirklich nur wegen der Sache oder war es ein unbewusster Drang, seine eigene Position zu festigen, aus Angst, nicht mehr als der „Experte“ wahrgenommen zu werden?“ 

Emil erkannte in diesem Moment, dass seine Ansicht und seine darauf folgende Handlung direkt von seinem aktuellen Bewusstsein abhing. Auf einer niedrigen Entwicklungsstufe – getrieben vom Ego und dem Schutz des eigenen Status – wäre seine Reaktion impulsiv gewesen. Georgina wäre beschämt und ihre Kreativität im Keim erstickt worden. Das Klima im Team würde langfristig unter Angst vor Fehlern leiden.

„Will ich Anderen wehtun? Bewusst sicher nicht. Aber vielleicht unbewusst?“

Die Antwort erschreckte ihn. Wie oft hatte er in der Vergangenheit unter dem Deckmantel der „Wahrheit“ oder der „notwendigen Härte“ Menschen verletzt, weil er zu sehr mit seinen eigenen Werten und Zielen beschäftigt war, um die Auswirkungen auf seine Mitmenschen zu erkennen. Sein Seelenalter maß sich nicht an der Anzahl der Projekte, die er erfolgreich abgeschlossen hatte, sondern an der Fähigkeit, innezuhalten und die Perspektive der Anderen miteinzubeziehen, bevor er handelte. Er sah Georgina an. Ihre Augen leuchteten noch von der Begeisterung ihrer Idee, doch da war auch noch diese Unsicherheit dabei. Wenn er jetzt zuschlug, würde dieses Licht erlöschen.

„Georgina. Dein Ansatz ist radikal, anders als das, was wir bisher gemacht haben. Mein erster Impuls ist, ihn abzulehnen, weil er Risiken birgt, die ich aus meiner Erfahrung heraus fürchte.“
Er machte eine kurze Pause und ließ die Worte sinken.
„Aber ich frage mich: Verteidige ich hier nur den Projekterfolg oder verteidige ich meine eigene Komfortzone?“

Die Atmosphäre im Raum veränderte sich spürbar. Die Verteidigungshaltung wich einer neugierigen Offenheit. Georgina nickte langsam.

„Ich verstehe deine Bedenken. Aber mein Ziel ist es, eine Lösung zu finden, die langfristig ressourcenschonender ist, auch wenn der Anfang holprig ist.“

Emil wurde klar, dass Bewusstsein ein beweglicher, sich entwickelnder Zustand ist. Vor 5 Jahren sah er das kompromisslose Durchsetzen eigener Werte, als Stärke an. Aus seiner weiterentwickelten Sicht erschien ihm das Ganze als Starrheit. Die Entwicklungsstufe des Menschen zeigt sich darin, ob er bereit ist, seine eigene Gewissheit zu hinterfragen, wenn sie Anderen schadet.
Er entschied sich bewusst gegen die unbewusste Handlung der Abwehr. Stattdessen fragte er:

„Wie können wir deine Idee so anpassen, dass wir das Risiko minimieren, ohne den innovativen Kern zu verlieren?“

Emil wollte anderen nie bewusst weh tun. Unbewusste Handlungen, gesteuert von Angst um den eigenen Status oder blindem Festhalten an Werten, hatten leider das Gegenteil bewirkt. Wahre Stärke lag nicht am Gewinnen einer Diskussion, sondern in der Fähigkeit, die eigene Perspektive mit der Zeit zu erweitern und zu erkennen, dass das Wohl der Mitmenschen untrennbar mit dem eigenen Erfolg verbunden ist. Sein Seelenalter wuchs mit jeder neuen Erkenntnis, nicht durch das, was er gesagt hatte, sondern durch das, was er zu denken gewagt hatte, bevor er sprach.


Fortsetzung folgt. ......



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