Das unsichtbare Licht
Mara saß in der vollen Cafeteria und hielt ihr Smartphone fest umklammert. Vor einer Stunde hatte sie ein Foto von ihrem neusten Gemälde gepostet. Seitdem aktualisierte sie die Seite alle 30 Sekunden. 5 Likes, dann 6. Ein Herz von einem alten Schulfreund.
„Warum nur 6? Das Bild ist gut. Bin „Ich“ gut?“
Mit jedem fehlenden Like, fühlte sie sich ein wenig unsichtbarer, als wäre sie nur so viel wert, wie die Summe der digitalen Zustimmungen betrug. Ihr Selbstbewusstsein, das am Morgen noch gefestigt gewirkt hatte, bröckelte nun unter dem Gewicht der erwarteten Aufmerksamkeit. Sie fühlte sich nicht gesehen, weil der Applaus fehlte. Elias der auf einen spontanen Kaffee durch die Tür trat, sah Mara am Tisch und entschloss sich zu ihr zu setzen. Mara sah ihn und legte ihr Handy mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch.
„Du wartest auf das große Feuerwerk?“, fragte Elias.
Mara seufzte und schob Elias das Handy hin.
„Es fühlt sich an, als wäre ich nichts wert, wenn es niemand sieht. Ich brauche dieses Gefühl, angenommen zu werden.“, sagte Mara.
„Weißt du, Mara, Aufmerksamkeit ist wie Sonnenlicht. Es ist warm, wenn es scheint. Aber wenn du eine Pflanze bist, hörst du nicht auf zu wachsen, nur weil eine Wolke gerade vorbei zieht. Dein Wert ist nicht der Schatten, den du wirfst, sondern die Wurzel die du hast.“, sagte Elias
„Aber wie fühlt man sich angenommen, wenn die Wurzel niemand sieht?“, fragte Mara.
„Indem du aufhörst, nur nach außen zu strahlen und beginnst dich zu beleuchten. Akzeptanz beginnt nicht damit, dass andere dich mögen. Sie beginnt in dem Moment, in dem du aufhörst, dich selbst zu bewerten. Das gute Gefühl, nach dem du suchst, ist kein Echo von außen. Es ist die Stille in dir, die sagt: „Ich bin genug, genau so, wie ich bin.“, antwortete Elias.
Mara blickte auf ihr Handy. Die Zahl hatte sich um ein Like erhöht auf 7. Plötzlich wirkte die Zahl klein und bedeutungslos im Vergleich zu dem ruhigen Gefühl, dass Elias Worte in ihr auslösten. Sie legte das Handy weg. Zum ersten Mal an diesem Tag sah sie Elias wirklich an – und fühlte sich gesehen. Nicht wegen des Bildes, sondern weil er da war.
Vom äußeren Schein zur inneren Stärke (Fortsetzung)
„Es ist schwer, dieses Gefühl loszuwerden, dass ich erst dann „da“ bin, wenn mich andere bestätigen. Ohne Likes fühle ich mich fast unwirklich. Wie steigert man das Selbstwertgefühl, wenn es so stark von Außen abhängt?“
„Das ist ein sehr menschlicher Reflex. Wir sind soziale Wesen und wollen dazugehören. Das Problem entsteht, wenn wir die „Quelle“ unseres Wertes nach Außen verlagern. Solange dein Selbstwertgefühl wie ein Aktienkurs ist, der von der Stimmung anderer abhängt, wirst du immer Angst vor dem Absturz haben. Der erste Schritt zur Steigerung ist die Erkenntnis: „Aufmerksamkeit ist nett, aber sie ist keine Währung für deinen Wert.““
„Aber wie erreiche ich dieses Gefühl, angenommen zu werden, ohne diese Bestätigung? Es fühlt sich leer an.“
„Leere entsteht oft, weil wir versuchen, ein Loch im Inneren mit etwas von außen zu füllen. Wahre Akzeptanz ist eine aktive Handlung dir selbst gegenüber. Probier‘ es einmal so: Wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, nicht gesehen zu werden, frag dich nicht: „Warum liken die das nicht?“ sondern „Sehe ich mich selbst grade?“ Bist du freundlich zu dir, wenn du einen Fehler machst oder bist du dein strengster Kritiker? Selbstbewusstsein wächst nicht durch Applaus, sondern durch das Vertrauen, dass du dich selbst auffängst, auch wenn niemand klatscht.“
„Das klingt logisch, aber emotional ist da diese große Sehnsucht nach dem „Gesehen werden“. Ist das falsch?“
„Nein, die Sehnsucht ist nicht falsch. Sie ist ein Hinweis darauf, dass du Verbindung suchst. Aber wahre Verbindung passiert auf einer anderen Ebene als Likes. Ein Like ist ein flüchtiger Impuls; gesehen zu werden bedeutet, verstanden zu werden. Wenn du lernst dich so anzunehmen, wie du bist – mit allen Ecken und Kanten, ohne dass du erst „perfekt“ sein brauchst-, strahlst du eine Ruhe aus. Und Paradoxerweise: Genau diese Menschen, die nicht verzweifelt nach Aufmerksamkeit betteln, ziehen die tiefste und ehrlichste Aufmerksamkeit anderer an.“
„Also ist der Weg zum guten Gefühl nicht die Steigerung der Follower, sondern die Steigerung der Selbst-Akzeptanz?“
„Genau. Stell dir vor, du bist ein Haus. Likes sind die Gäste, die kurz an der Tür klopfen und wieder gehen. Dein Selbstwert ist das Fundament. Wenn das Fundament stabil ist, ist es angenehm, wenn Gäste kommen. Aber wenn keine kommen, stürzt das Haus nicht ein. Es steht einfach da. Dieses Gefühl, im eigenen Sein verankert zu sein – das ist die höchste Form des Angenommen-Werdens.“
„Dann werde ich heute versuchen, mein eigener erster Gast zu sein, der anklopft und sagt: „Hallo, ich bin froh, dass du da bist.“
Das ist der perfekte Anfang. Und glaub‘ mir, dieses Gefühl ist viel beständiger als jeder Trend.“
